Gurt- und Anschnallpflicht in Youngtimer und Oldtimer

Mal abgesehen vom Sicherheitsaspekt – bitte keine blöden Ausreden „der Gurt ist so straff, dann kann ich nicht atmen, er nimmt mir die Bewegungsfreiheit, hemmt meinen regelmäßigen Herzschlag und meine Konzentration beim Fahren“ sowas ist völliger Quatsch – sind Sicherheitsgurte seit über 35 Jahren in Deutschland herstellerseitig Pflicht.

Ich lasse bestenfalls technische Gründe gelten, warum das Anbringen von funktionierenden Sicherheitsgurten im Oldtimer keinen Sinn macht. Die Haltepunkte der Gurte müssen fest mit der Karosserie verbunden sein, so dass die Insassen trotz der bei einem Aufprall entstehenden Kräfte in ihrem Sitz gehalten werden. Die benötigten Bohrungen für Höhenversteller, Gurtstraffer, Umlenker und Gurtpeitsche dürfen auch nicht in zu dünnem Blech ausreißen. Zudem müssen die Spannrollen bei (nachgerüsteten) Dreipunkt-Automatikgurten korrekt angebracht sein, denn sonst arretieren sie im Notfall nicht.

Je nach Bauart fallen bestimmte Konstruktionen aus. In einem Land Rover (Serie I bis III) muss man zum Beispiel einigen Aufwand betreiben, um Automatikgurte einbauen zu können, weil für die obere Umlenkung für den Gurtstraffer gar keine vernünftige Halterung in der B-Säule zu finden ist. Einfach zu installieren aber etwas umständlicher in der Handhabung ist jedoch ein normaler Dreipunktgurt. In noch älteren Fahrzeugen und dabei vor allem in Cabrios wird man möglicherweise nur die auch aus dem Flugzeug bekannten Zweipunktgurte anbringen können. Gleiches gilt bei alten Autos meist für die Rücksitze. Das ist immer noch besser als gar nichts, schützt aber bei einem Unfall mit Frontalaufprall nicht vor heftigen Kopfschmerzen.

Für PKW müssen in Deutschland seit 1974 (DDR seit 1978) , In Österreich seit 1976, in der Schweiz ab 1981 auf den Vordersitzen Dreipunktsicherheitsgurte eingebaut sein. Für die Rücksitze gelten die Jahre 1979 (Deutschland), 1984 (Österreich), 1994 (Schweiz). Warum ist das interessant? Weil die Gurtpflicht für Fahrzeuge immer abhängig von Baujahr und Ort der Erstzulassung ist. Soll heißen: Wenn ich ein Fahrzeug aus dem Ausland importiere, dann importiere ich damit auch die Gurtpflicht. Das baugleiche Modell mit Erstzulassung in der Schweiz muss zum Beispiel erst 15 Jahre später auf den Rücksitzen Sicherheitsgurte haben, auch wenn beide Fahrzeuge inzwischen in Deutschland zugelassen sind. Dies wird üblicherweise genau so im KFZ-Schein vermerkt. Sobald aber Gurte eingebaut sind – egal ob verpflichtend oder freiwillig – besteht auch Anschnallpflicht. Gemäß §21a StVO müssen Sicherheitsgurte während der Fahrt angelegt sein. Fahren ohne Gurt kostet 30 Euro, bei Kindern ohne Sicherung 40 Euro und einen Punkt in Flensburg. Verantwortlich für das korrekte Anlegen der Gurte ist immer der Fahrer.

Wer sich in einem Oldtimer ohne Sicherheitsgurte bewegt, setzt sich aber nicht schon allein dadurch schuldhaft einem höheren Verkehrsrisiko aus. So sieht es zumindest das Landesgericht Köln (Az. 2 O 497/06). Die Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers wollte die Kosten für Personen- und Sachschäden nicht oder nur in geringem Anteil tragen, weil der OIdtimer keine Gurte eingebaut hatte. Dem Unfallopfer sei aber kein Verstoß gegen die Anschnallpflicht gemäß der StVO (siehe oben) zur Last zu legen, weil das historische Fahrzeug nicht über Anschnallgurte verfügte, die Sitze aber der zugelassenen Benutzung in diesem Sonderfall entsprachen.

Nachtrag: Bei Limora gibt es Anschnallgurte zum Nachrüsten. Durch die vielen unterschiedlichen verfügbaren Farben und Webmuster lassen sich besonders im offenen Klassiker sehr schöne Akzente setzen. Preis pro Paar ca. 250 EUR. Günstiger geht es bei Stevens. Die Preise rangieren hier je nach Bauart zwischen 30 und 70 Euro je Sitzplatz. Ansonsten gibt es auch immer noch ebay.

 

 

 

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5 Responses to “Gurt- und Anschnallpflicht in Youngtimer und Oldtimer”

  1. Robert Reiter sagt:

    In meinem sind sie zum Glück schon nachgerüstet, sonst wäre ich auch noch ohne & ohne Pflicht.

  2. Zak sagt:

    Seh ich das richtig, wenn ich schreibe, dass in der Schweiz die Veteranenzulassung verweigert wird, wenn ein Fahrzeug Sicherheitsgurte hat, die nachträglich eingebaut wurden?!

    Also rein aus meiner Sicht nimmt der Urheber dieses Textes den Zeigefinger etwas zu weit nach oben.

    Die Kisten hatten halt damals noch keine Gurte. Es kommt aber meines Erachtens auch nicht jeder mit einem 73′ Mini zur Arbeit…

    • hausmeister sagt:

      Über die Regeln zur Veteranenzulassung in CH bin leider nur unzureichend informiert. Vielmehr geht es im Text oben um die Fahrzeuge, die z.B. aus der Schweiz nach Deutschland importiert wurden. Das baugleiche Auto mit Erstzulassung 1985 in Österreich muss demnach über Gurte hinten verfügen und diese müssen auch auch angelegt werden. Stammt das Fahrzeug hingegen aus der Schweiz, muss es keine Gurte hinten haben. Wenn sie jedoch nachträglich freiwillig eingebaut wurden, dann besteht auch hier Gurtpflicht. Ob ein Auto aber den Oldtimerstatus (H-Kennzeichen) hat oder bekommt, ist dabei völlig unerheblich.

  3. Otto K. sagt:

    Ich halte den §21a StVO für etwas missverständlich, denn dort heißt es:
    „Vorgeschriebene Sicherheitsgurte müssen während der Fahrt angelegt sein.“
    Das kann man so interpretieren, dass die freiwillig eingebauten Gurte eben nicht vorgeschrieben sind und daher auch nicht angelegt werden müssen.

  4. R. A. sagt:

    Wie dieser Artikel schon anfängt, nervt:
    „Mal abgesehen vom Sicherheitsaspekt – bitte keine blöden Ausreden …“, wird hier herumvernünftelt.
    Für meinen Wagen sind keine Gurte vorgeschrieben, aber es sind welche drin. Also muss ich sie nicht anlegen, darf es aber.
    Wenn ich mit meinem Oldi durch die Stadt ötzel, freue ich mich, mich nicht anschnallen zu müssen. Auf der Landstraße ist es ja was anderes, da lege ich sie gerne an.

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